text Ron Manheim

THE PLACE OF THE PEOPLE                                                                                                                                                                                               

 

Since 2001, Mark Kramer has been working on a project that could be given the title THE PLACE OF THE PEOPLE. It started with small model figures. They are anonymous and can be given social functions when crafted. The artist created room installations with them that seem like enchanted worlds. He was fascinated especially by their namelessness, their suitability as part of the crowd. This can convey both the fear of the individual faced with meaninglessness, and at the same time seem playful and dreamy, radiate beauty and fragility. The aspect of uncertainty, the forlornness, the existential lack of orientation increased in the period that followed. The theme became the position of the individual in society, always caught in the tension between individual uniqueness – also and especially in communication with others – and the nameless merging into a futile crowd, which is, as such, “headless”, without reflective consciousness. The figures soon fell apart, only parts of the bodies to be were to be seen. Then they forced their way into the wall, on their way to some awareness perhaps existing somewhere in the depths. In the current development, the human disappears into a dissolving shadow, a mist that takes on form through the endless number of perforations. The individuals have disappeared seemingly en masse into the perforations, but nevertheless individually, each into his own boundlessly deep hole. The rows of small perforation figures showed the contours of headless people who, in the substance of their outlines, suggest an only seemingly accessible path into the depths. Now, however, the floating and aimlessly wandering little headless model figures have become seekers beyond the scope of our perception. They disappeared in the fog. Mark Kramer’s fog means uncertainty, and represents a profound indication of the futility of our attempts to gain a real insight into the nature of our life, our place in the whole. In the current, figurationless images, the circular perforation lines show incomprehensible irregularity, the linear lines show endless continuability beyond the image area. The perforated areas have no real order which could indicate clarity. Their contemplation leads into the realms of the absolutely uncertain. The new installation a moment between insanity and enlightenment shows a world in itself, not a closed world, but a perforated one. The body parts float about helplessly in an only seemingly defined area: “mankind is drifting, floating, in all their worries and fears”, says the artist himself. Whatever hole in the wall of the vehicle you choose to look through, the view from the outside always leads to the depths of uncertainty and hopelessness. The fog that cloaks the inner world is the fog that incessantly drives us to seek insight. There is a kind of philosophising which needs no words, which creates only images (in the broadest sense). There are no translations from this language, but a venturing forth through conceptual images. In this sense, all true art is philosophy, finding new meaningful conceptual images. The latest works by Mark Kramer read like a preliminary, concentrated climax in the visual thinking of an extremely philosophically inclined artist. The viewer stands in front of his latest works with the question “whereto?” It is the artist’s “whereto” that makes the path there promise such lasting fascination.

 

Drs. Ron Manheim, art historian, Kleve

© GALERIE PETRA NOSTHEIDE- EŸCKE

 

 

DER ORT DES MENSCHEN

 

Seit 2001 arbeitet Mark Kramer an einem Projekt, das man mit dem Titel DER ORT DES MENSCHEN bezeichnen könnte. Angefangen hat es mit kleinen Modellbaufiguren. Sie sind anonym und erlauben es, dass man sie beim Basteln zu Trägern gesellschaftlicher Funktionen macht. Der Künstler schuf mit ihnen Rauminstallationen, die wie verzauberte Welten wirkten. Ihn faszinierte vor allem ihre Namenlosigkeit, ihre Eignung, Teil der Masse zu sein. Diese kann sowohl die Angst des in ihr gefangenen Einzelnen vor der Bedeutungslosigkeit spürbar machen, als auch gleichzeitig spielerisch-verträumt wirken, Schönheit und Fragilität ausstrahlen. Der Aspekt der Verunsicherung, der Verlorenheit, der existenziellen Orientierungslosigkeit verstärkte sich in der Folgezeit. Thematisiert wurde die Position des Einzelnen in der Gesellschaft, der immer gefangen ist in der Spannung zwischen individueller Einzigkeit –  auch und gerade in der Kommunikation mit den anderen –, und dem namenlosen Aufgehen in einer belanglosen Masse, die als solche ‚kopflos’ ist, ohne reflektierendes Bewusstsein. Bald fielen die Figürchen auseinander, waren nur noch Teile der Körper zu sehen. Dann drangen sie in die Wand ein, auf dem Weg zu einer irgendwo in der Tiefe vielleicht vorhandenen Erkenntnis. In der aktuellen Entwicklung verschwindet der Mensch in einem zerfließenden Schatten, einem Nebel, der durch Perforationen in endloser Zahl Gestalt bekommt. In die Perforationen hinein sind die Einzelnen verschwunden, massenhaft gleichsam, aber trotzdem vereinzelt, jeder im eigenen grenzenlos tiefen Loch. Die Reihungen von kleinen Perforationsfiguren zeigten Konturen kopfloser Menschen, die in der Substanz ihrer Umrisslinien einen nur scheinbar begehbaren Weg in die Tiefe suggerieren. Nun sind aber aus den schwebenden und herumirrenden kopflosen Modellfigürchen Sucher außer Reichweite unserer Wahrnehmung geworden. Sie verschwanden im Nebel. Mark Kramers Nebel bedeutet Unklarheit, und stellt einen tiefgründigen Hinweis auf die Vergeblichkeit unserer Versuche dar, wirklich Einblick in das Wesen unseres Lebens zu bekommen, in unseren Ort im Ganzen. In den aktuellen, figurationslosen Bildern zeigt sich bei den kreisförmigen Perforationslinien unnachvollziehbare Unregelmäßigkeit, bei den linearen eine außerhalb der Bildfläche endlose Fortsetzbarkeit. Die durchbohrten Flächen kennen keine wirkliche Ordnung, die Übersichtlichkeit andeuten könnte. Ihre Betrachtung führt in die Regionen des absolut Unsicheren. Die neue Installation a moment between insanity and enlightment zeigt eine Welt für sich, keine geschlossene, sondern eine perforierte. Die Körperteile schweben in einem nur scheinbar fest umgrenzten Raum hilflos herum: „mankind is drifting, floating, in all their worries and fears“, so der Künstler selbst. Der Blick von außen, durch welchen Bohrgang in der Wand des Gefährts auch immer, führt in die Tiefe der Unsicherheit und Ausweglosigkeit. Der Nebel, der die Innenwelt umfasst, ist der Nebel, der uns unausgesetzt dazu auffordert, Einblick zu suchen. Es gibt eine Form des Philosophierens, die ohne Worte auskommt, nur Bilder (im weitesten Sinne) schafft. Es sind keine Übersetzungen aus der Sprache, sondern ein sich in Denkbildern Hervorwagen. In diesem Sinne ist alle echte Kunst Philosophie, Findung neuer sinnvoller Bildgedanken. Die neuesten Werke von Mark Kramer lesen sich wie ein vorläufiger, konzentrierter Höhepunkt im bildnerischen Denken eines in hohem Maße philosophisch veranlagten Künstlers. Der Betrachter steht vor den jüngsten Werken mit der Frage „Wohin?“ Es ist das Wohin des Künstlers, dessen Weg anhaltende Faszination verspricht.

 

Drs. Ron Manheim, Kunsthistoriker, Kleve

© GALERIE PETRA NOSTHEIDE- EŸCKE

 

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